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Diagnosen

Burnout-Syndrom

Das Burnout-Syndrom wird seit Jahren intensiv in den Medien diskutiert und immer mehr Menschen empfinden sich als erschöpft und ausgebrannt und vermuten bei sich selbst ein solches Krankheitsbild. Burnout gilt inzwischen als einer der Hauptgründe für längerfristige Krankschreibungen und als „Modediagnose“ (Ärztezeitung). Und trotzdem streiten sich die Gelehrten darüber, was Burnout überhaupt genau ist. Denn der Begriff wird uneinheitlich benutzt und eine medizinische Diagnose gibt es strenggenommen nicht (nur als Ergänzungsangabe). Selbst die Einführung dieser Diagnose in der geplanten Neufassung des medizinischen Diagnosekompendiums ICD ist aktuell nicht geplant.

Entstehung – Prozess des Burnout

Bei der Entstehung des Burnout wird davon ausgegangen, dass sowohl in der Person liegende Faktoren als auch Faktoren der Arbeitswelt zusammenwirken und prinzipiell beide Bereiche ursächlich beteiligt sind.

Das Burnout-Syndrom oder das Ausgebranntsein beschreibt einen Prozess, in dem Menschen im beruflichen Bereich zunächst voller Engagement und Elan einen großen Einsatz zeigen und aktiv sind und damit auch ihre Erfolge haben.

Beginn

Im beginnenden Prozess des Ausgebranntseins verlagert sich der Schwerpunkt des Lebens schleichend auf den Leistungsbereich. Dieser Prozess führt zur Vernachlässigung eigener privater Belange und Interessen, häufig des gesamten Freizeitbereichs gepaart mit einem sozialen Rückzug. Man spricht von einer unausgeglichenen Work-Life-Balance. Als Konsequenz sinkt die innere Zufriedenheit. Mitunter treten hier bereits Symptome von Niedergeschlagenheit und Gereiztheit auf. Besonders, wenn im Leistungsbereich die Erfolge ausbleiben oder sich gar Misserfolge einstellen, kann das negative Empfinden nicht mehr so einfach ausgeglichen werden, denn die in der Vergangenheit vernachlässigten schönen Dinge des Lebens können häufig nicht spontan reaktiviert werden. Es macht sich Ernüchterung und Frust breit. Das raubt den notwendigen Elan für den Leistungsbereich. Der überdimensionierte Einsatz kann nicht aufrecht erhalten werden und die wahrgenommenen Erfolge reduzieren sich weiter, die Bilanz wird immer negativer.

Zusammenbruch

Wenn dann keine rechtzeitige Trendwende eingeleitet wird, kann diese Entwicklung schließlich im Extremfall zum absoluten Leistungsversagen führen. Es kommt zum Zusammenbruch, so dass manchmal die einfachsten Alltagsdinge zu großen Hürden werden, der Zustand des Ausgebranntseins erreicht ist. Depressionen, Ängste und körperliche Beschwerden können dann das Leben beherrschen. Oft ist der Zustand des Betroffenen nicht mehr von dem eines schwer Depressiven zu unterscheiden. Einige Experten sehen neben Depressivität und Ängsten bei einem Viertel der Ausgebrannten auch eine erhöhte Herzinfarktgefahr als ernsthaftes Risiko an. Zudem wird eine Reihe weiterer ernsthafter Erkrankungen mit dem Ausbrennen in Zusammenhang gebracht.

In Japan wurde übrigens ein Phänomen „Karoshibeschrieben, was soviel bedeutet wie Tod durch Überarbeiten. Es kann vermutet werden, dass sich ein Teil der Karoshi-Toten in einem Burnout-Prozess befand.

Faktor Stress

Der Verlauf des Ausbrennens ist durch den Faktor Stress zu erklären. Arbeitseinsatz, der über die eigenen Grenzen hinaus geht oder bei dem Misserfolg durch unerfüllbare Erwartungen von höherer Ebene vorprogrammiert sind, erzeugt ebenso Stress wie Versagensängste oder Zukunftssorgen. Im Verlauf des Burnout-Prozesses tritt Stress auf. Stress ist eine Angstreaktion und verbunden mit körperlicher, gedanklicher und emotionaler Anspannung. Der gesamte Organismus wird mit Energie erfüllt, um Kraft für wichtige Reaktionen wie Kampf oder Flucht zur Verfügung zu haben. Dieses Stresserleben ermöglicht uns schnelle körperliche Handlungen, es reduziert gleichzeitig häufig unsere Möglichkeiten, komplexe Situationen kompetent zu meistern, was unser Bedrohungsempfinden und infolgedessen unser Stresserleben weiter ankurbelt.

In solchen Aufaddierungen von Anspannungsreaktionen, das heißt dem Erleben eines längerfristigen Stresszustandes wäre es wichtig, wieder zu entspannen, Pausen zu machen, sich positiv abzulenken. Bei vielen Menschen gibt es aber einen Reflex, mit noch mehr Hektik und Atemlosigkeit auf diese Fehlentwicklung zu reagieren, so dass ein Teufelskreis entsteht.

Folgen von Dauerstress

Dauerstress kann übrigens gravierendere Folgen haben als man üblicherweise denkt. Er wirkt auf diverse Organsysteme und kann von Magen-Darm-Problemen über Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zu Hirnveränderungen führen. So ist inzwischen erwiesen, dass dauerhafter Stress die Anzahl und die Verästelungen der Nervenzellen unseres Hippocampus reduzieren kann. Die Folge ist, dass wir Schwierigkeiten haben, uns neue Dinge zu merken, denn diese Hirnstruktur ist für den Übertrag neuer Gedächtnisspuren in ein überdauernderes Speichern zuständig. Glücklicherweise sind solche Veränderungen im Gehirn durch ein geändertes Verhalten und Erleben wieder umkehrbar.

Syndrom

Der Name „Burnout-Syndrom“ wurde 1974 von Dr. Freudenberger eingeführt. Neben den oben schon erwähnten Symptomen können auch einige körperliche Beschwerden hinzu kommen, die ebenfalls darauf hindeuten können, dass sich die Spirale des Burnout in Gang gesetzt hat. Dies können z. B. vermehrte Kopf- und/oder Gliederschmerzen, ein erhöhter Blutdruck oder auch Schwindelgefühle sein. Es gibt mehrere Modelle zu dem Syndrom, die jeweils verschiedene Stufen auf dem Weg ins Ausbrennen beschreiben.

Betroffene

Burnout kann in allen Positionen und Berufsgruppen auftreten. Aus der Literatur ist bekannt, dass besonders häufig Personen aus sozialen Berufen daran leiden. Hierzu zählen besonders Lehrer, aber auch Sozialpädagogen, Erzieher, Ärzte und Pflegekräfte. Inzwischen bekennen sich auch zahlreiche Führungskräfte und Prominente vom TV-Koch bis zur Rapperin zu diesem Beschwerdebild. Experten vermuten auch bei Studenten und sogar Schülern viele Betroffene. Das Syndrom trifft meist Personen, die in ihrem Beruf zunächst besonders engagiert und leistungsmotiviert sind, und die dazu neigen, alles perfekt machen zu wollen.

Es trifft also vor allem die Motivierten, die Erfolgreichen und die Leistungsträger. Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung des Syndroms scheinen außerdem die tatsächlichen und wahrgenommenen Möglichkeiten zu sein, den Arbeitsplatz und die Abläufe selbst zu bestimmen. Fühlt man sich fremdbestimmt und gegängelt, mit Aufgaben überladen, begünstigt dies eine Überforderung.

Eine kleine Gruppe der Betroffenen wird durch das Syndrom aufgrund vorab bereits verborgen wirkender schwerwiegender Erkrankungen wie MS (Multiple Sklerose) oder Krebs getroffen. Dies ist der Grund dafür, dass eine gründliche körperliche Abklärung in jedem Fall erfolgen sollte.

Faktor gesellschaftlicher Wandel

„Wir erleben in der Gegenwart eine dreifache Beschleunigung – die des technischen Fortschritts, des sozialen Wandels und des Lebenstempos“ (Hartmut Rosa)

Es ist zu vermuten, dass die heutige Verdichtung der Arbeitsprozesse, die Auflösung Sicherheit gebender Strukturen, der vermehrte Termindruck, neue überall verfügbare technische Medien und Kommunikationsgeräte und die Überfrachtung der Freizeit einen wichtigen Faktor bei der Entstehung von Burnout darstellen. Arbeitgeber senden ihren Mitarbeitern täglich Unmengen an E-Mails zu, Anrufe außerhalb der Arbeitszeiten gehören in vielen Bereichen zur Normalität und Anforderungen werden immer komplexer. Arbeit und Privatleben verstricken sich in vielen Berufen mehr und mehr. Wiederfinden kann man den neuen Zeittrend beispielsweise auch im neuerschaffenen Begriff Sofortness (Sascha Lobo): „Sofortness ist das Krönchen der Beschleunigung: Es geht nicht mehr schneller als sofort.“ Zeitknappheit ist für viele Menschen zur Mode geworden. Stete Beschäftigung mit sinnvollen oder auch weniger sinnvollen Dingen gehört zum Standard. So lange dies Freude macht und mit Elan bewältigt werden kann, ist es möglicherweise ein erfreulicher, kunterbunter Trend.

Weitere Überlegungen

Allerdings kann vermutet werden, dass es für nicht wenige Menschen zur schleichenden und aufgrund der scheinbaren Normalität nicht wahrgenommenen Überfrachtung kommt. Schließlich kann der Druck nicht mehr angemessen bewältigt werden und verhindert die nötige Entspannung. Ein Betroffener beschrieb Burnout als eine „natürliche Reaktion auf eine unnatürliche Belastung“.

Auch aufgrund dieser Überlegungen sehen einige Experten Burnout als soziales Problem an, das durch einen gesellschaftlichen Diskurs angegangen werden müsse und dessen finanzielle Folgen von der gesamten Gesellschaft zu tragen seien.

Psychoanalytische Forscher wie Rolf Haubl weisen insbesondere bei den „Extremjobbern“ darauf hin, dass manche Menschen eine Form der „Selbstausbeutung“ betreiben in der Annahme Erholung sei aufschiebbar. Für die Annahme einer Aufschiebbarkeit von Ruhephasen und Entspannung gibt es jedoch keine ausreichenden Beweise, so dass die Arbeit eine ausgesprochen selbstzerstörerische Komponente bekommen kann.

Psychotherapie

In dieser Praxis melden sich seit einigen Jahren zunehmend mehr Menschen aufgrund von Burnout-Symptomen und mit einer hohen Stress- und Arbeitbelastung assoziierten Leiden.

Die Burnout-Therapie ist abhängig davon, wie ausgebrannt eine Person bereits ist, welcher Verlauf vorliegt, welche Hintergründe dazu geführt haben und unter welcher Symptomatik der Betroffene leidet. Ein Augenmerk in der Psychotherapie liegt zunächst typischerweise auf einer vorsichtigen Reduktion von Anspannung, auf der Gestaltung des Tages und den Umgang mit Belastungen und um die Erforschung des Warum. Wichtig sind häufig die Auflösung ungünstiger Gewohnheiten, die Entwickelung von mehr Achtsamkeit und ein neues Selbstmanagement. Mitunter ist es aber auch nötig, dass ganz konkrete Lösungen für bestimmte Fragen gefunden werden.

Verlauf der Therapie

Während in der ersten Zeit der Therapie häufig das erneute Funktionieren im Vordergrund steht, ist für eine langfristige Gesundung die Frage der Hintergründe zu klären. Nicht selten kann z. B. eine hohe Leistungsbereitschaft oder ein Perfektionismus als mitverursachend ausgemacht werden, deren Hintergründe dann therapeutisch bearbeitet werden können, so dass das Leistungsverhalten wieder konstruktivere Züge bekommen kann. Viele Betroffene müssen sich mit der Entscheidung auseinandersetzen, inwieweit sie in dem alten Arbeitsumfeld bleiben möchten bzw. können bzw. müssen und welche Konsequenzen aus einer solchen Entscheidung erwachsen.

Medikamente

Medikamente können bei besonders schweren Zuständen von Ausgebranntsein, die mit schweren depressiven Symptomen einhergehen können, eine gute Möglichkeit sein, wieder handlungsfähig zu werden. Sie sind aber ungeeignet, um die Ursachen des Syndroms zu beseitigen. In der Regel geht es langfristig um eine neue Balance im Leben mit neuen Schwerpunkten.


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