Essstörungen - Magersucht - Anorexie - Bulimie - binge eating - Adipositas
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Doch die Schattenseite des Schlankheitswahns ist bitter. Trotz voller Teller drohen in den reichen Industrienationen junge Mädchen zu verhungern. Mit Beginn der Pubertät kämpfen sie um die Idealfigur, probieren Diäten aus und legen erste Grundsteine für eventuelle Essstörungen. Deren Spektrum reicht von der Magersucht bis zum massiven Übergewicht. Hinter allen Varianten der Essstörungen steht die gestörte Selbstwahrnehmung. Manchmal gehen Essstörungen ineinander über oder wechseln einander ab.
Unter Magersucht bzw. Anorexie leiden in der Bundesrepublik leiden etwa 100.000 Menschen, davon ca. 90.000 Frauen im Alter von 15 bis 35 Jahren und 10.000 Männer. Weitmehr sind von Ess-Brech-Sucht, der Bulimie, betroffen, man geht von rund 600.000 Personen aus. Am häufigsten kommt "Binge Eating" vor. Sie quält schätzungsweise 2% aller Deutschen. Bei dieser neuen Diagnose handelt es sich um Essanfälle. Essstörungen geschehen in aller Heimlichkeit. Leise wird gehungert, erbrochen und geschlungen, so dass das soziale Umfeld spät reagiert.
Erscheinungsformen:
Magersucht:
Die Magersucht oder Anorexia nervosa lässt Mädchen auf ein krankhaftes Maß abmagern. Sie tritt meist im Alter von 14 bis 18 Jahren das erste Mal auf, mitten im Selbstfindungsprozess der Pubertät. Generell fühlen sich die Betroffenen zu dick, sie hungern häufig mit Diäten auf ihre Idealfigur hin. Gerät dieser Prozess außer Kontrolle, kreisen die Gedanken ausschließlich um Kalorien und Gewicht. Hunger ist ein Gefühl, das der Kopf steuern kann. Diese Erfahrung verleiht den jungen Frauen Selbstbestimmung, Macht und Stärke. Als Herrin über sich selbst kochen sie z. B. ohne zu essen mit dem Gefühl, sich bzw. den eigenen Körper im Griff zu haben.
Leidet jemand an Magersucht, liegen die Motive häufig im familiären Hintergrund. Rein äußerlich stimmt ihr Lebensumfeld, doch hinter der Fassade schwelen Konflikte oder Versagensängste. Viele Magersüchtige sind gute Schülerinnen und auch insgesamt perfektionistisch. Es kann z. B. sein, dass es in den Familien an echtem Einfühlungsvermögen, gegenseitiger Zuwendung und Wärme mangelt.
Häufig verlieren die Betroffenen innerhalb weniger Monate etwa 20% ihres Körpergewichtes. Auffallend sind zudem kärgliche Essensportionen, panische Angst vor Gewichtszunahme, Missbrauch von Appetitszüglern und Abführmitteln oder maßlose sportliche Aktivität. Bei Frauen bleibt die Menstruation aus oder tritt gar nicht erst ein, Männer werden impotent. Die Magersucht ist eine seelische Erkrankung, an der sehr viele Patienten sterben.
Bulimie:
Bei der Bulimie kennzeichnen Heißhungerattacken und anschließendes Erbrechen das Essverhalten. Bulimikerinnen verlieren während der Essanfälle die Kontrolle über sich selbst. Unbeobachtet und in kurzer Zeit schwelgen sie in Kalorien, nehmen mehr Nahrung auf, als ein normaler Magen fassen kann. Anschließend müssen sie sich übergeben und verschaffen Leib und Seele Erleichterung. Im doppelten Sinne des Wortes, denn die Betroffenen fürchten um ihr Gewicht.
Die Bulimie verläuft fast immer in der Stille. Wieder scheint nach außen hin alles perfekt. Man sieht den Menschen ihre Essstörung nicht direkt an, zumal sie meist schlank oder aber normalgewichtig erscheinen. Diskret und voll von Scham wird geschlungen und erbrochen. Nach der Gier folgt immer wieder die Wiedergutmachung durch Hungern, Fasten oder Diäten. Exzessiver Sport sowie der Konsum von Abführ- und Brechmitteln sollen eine Gewichtszunahme abwenden.
Durchschnittlich treten die Episoden innerhalb eines Vierteljahres zweimal pro Woche auf. Nicht selten liegen zwischen den wiederkehrenden Attacken mehrwöchige Pausen. Wesenseigen für die Bulimie oder Bulimia nervosa ist eine gestörte Körperwahrnehmung. Mitunter schließt sie sich einer vorangegangenen Magersucht an. Typisch für diese Sucht ist der Ekel vor sich selbst. Im fortgeschrittenen Zustand der Bulimie führt er zu sozialer Einsamkeit, Interesselosigkeit und Depressionen. Missbrauch von Alkohol, Nikotin, Drogen und Medikamenten sowie Kaufsucht, Ladendiebstähle und Selbstverletzungen sind keine Seltenheit.

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Das ständige Erbrechen kann für Entzündungen der Speiseröhre und der Finger sorgen und Zahnschäden hervorrufen. Außerdem führt ein unausgeglichener Elektrolythaushalt zu Kalium, Eisen- und Calciummangel. Ferner kann er Herzrhythmusstörungen verursachen.
Binge Eating und Adipositas bzw. Übergewicht:
binge eating heißt schlingend essen. Die Essstörung binge eating verläuft ganz diskret, ohne Erbrechen in so genannten Fressanfällen. Das unkontrollierte Essverhalten ist ein zügelloses und hastiges Hinunterstürzen vieler Kalorien. Erst wenn ein massives Völlegefühl eintritt, der Magen drückt und man kaum noch atmen kann, hört der Betroffene auf. Danach plagen sofort Schuld und Schamgefühle, manche Menschen werden depressiv. Langfristig führt diese Maßlosigkeit zu Übergewicht, Mangel von Vitaminen und Mineralien. Eine Regulation mittels Abführmittel, massiven Sport oder Diätversuchen findet nicht statt.
Die Essanfälle des binge eating treten mindestens zweimal pro Woche über ein halbes Jahr auf. Sie sind auch keine Folgeerkrankung einer Magersucht oder Bulimie. Noch wird an den Ursachen geforscht. Experten gehen davon aus, dass Übergewicht im Kindesalter, falsche Ernährung sowie fehlende Auseinandersetzung mit Konflikten dazu zählen. Solche Attacken zeigen sich in vermehrter Anspannung, Stress, Frust und Langeweile.
Bevor es die Diagnose binge eating gab, wurde dieses Beschwerdebild weitgehend unter dem Stichpunkt Adipositas oder Übergewicht eingeordnet. Übergewicht kommt häufig, aber durchaus nicht immer durch binge eating zustande. Das Leid der Betroffenen ist meist sehr groß, denn er oder sie hat in der Regel mit massiven Abwertungen durch die Umwelt zu kämpfen. Dabei sind die zur Zeit vorherrschenden Vorstellungen darüber, was gesund ist, falsch. Sicherlich verkürzt ein massives Übergewicht das Leben, ein gravierendes Untergewicht ist allerdings auch nicht grade gesund. Insofern suchen viele Betroffene Hilfe, manche bei Abnehmorganisationen wie weight watchers, andere bei einem Psychotherapeuten.
Psychotherapie bei Magersucht, Bulimie, binge eating und Adipositas:
Alle Essstörungen erfordern eine Stabilisierung der Körperfunktionen und eine Normalisierung des Essverhaltens. Wenn Gefahr für Leib und Leben droht wie im Verlauf mancher Magersuchtserkrankung, ist eine Klinikeinweisung lebensrettend. Der geschundene Körper wird dort mit Nahrung und psychotherapeutischem Beistand wieder aufgepäppelt. Mit Gesprächen versuchen die Psychotherapeuten auslösende Ursachen zu ermitteln und Konfliktlösungen anzubieten. Ob die Sitzungen einzeln oder in Familie stattfinden, obliegt der Einschätzung des Psychotherapeuten.
In der ambulanten Psychotherapie geht es sowohl bei Magersucht und Bulimie als auch beim binge eating um eine Unterstützung bei den anstehenden Verhaltensänderungen, um einen neuen Umgang mit dem suchtartigen Verhalten und um eine Auseinandersetzung mit dem Selbst. Während bei der Magersucht eine Gewichtszunahme und bei sehr stark übergewichtigen Personen eine Gewichtsabnahme das Ziel sein sollte, ist es in beiden Fällen sinnvoll, das Gewicht langsam zu verändern, das stabilisiert die Erfolge.
Eingesetzt werden die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Elemente aus dem Bereich der Verhaltenstherapie sowie spezielle Techniken aus der Suchtbehandlung. Dazu gehört es, die Funktionen des Essverhaltens zu ermitteln und neue Wege einzuüben, mit schwierigen Situationen umzugehen. Zusätzlich müssen natürlich die zugrunde liegenden Konflikte aufgearbeitet werden, damit eine dauerhafte psychische Stabilisierung erreicht werden kann. Bei vielen Patienten mit Magersucht geht es auch um eine Reduktion des Perfektionismus und damit zusammenhängend eine Reduktion der darunter liegenden Angst. Häufig hilfreich sind spezielle Übungen zum Körperbild. Darüber hinaus kann eine Ernährungsberatung bei einer Diätassistentin die Therapie abrunden.
Übrigens: Während bei der Psychotherapie von Klienten mit stoffgebundenen Süchten wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit die Abstinenz das oberste Gebot ist, ist bei den Essstörungen der Mittelweg des Essens das Ziel. Eine Psychotherapie ist häufig der einzige Weg, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen. Allerdings kann Psychotherapie eines leider nicht leisten: Vergessen. Das bedeutet, dass wenn man sich einige Jahre des Lebens täglich stundenlang gedanklich mit dem Essen beschäftigt hat und auch den eigenen Körper zu neuem Verhalten erzogen hat, dann bekommt man dieses Denken nicht so leicht aus dem Kopf und auch der Körper reagiert anders als bei nicht Betroffenen. Insofern kann auch eine erfolgreiche Psychotherapie den Betroffenen von Magersucht, Bulimie oder binge eating nicht ersparen, weit über die Therapiezeit hinaus an sich und dem eigenen Essverhalten zu arbeiten.
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