Tel 04321 404186
Seite auswählen

Selbsthilfe

Gesellschaftliche Hintergründe für die Zunahme psychischer Beschwerden

Manch einer fragt sich, warum psychische Krankheiten oder auch nur einfache Beschwerden, die noch nicht Krankheitswert erreicht haben, so zunehmen, welche Hintergründe dafür auszumachen sind.

Es ist also die Frage nach dem Dahintersthenden, den subtilen Ursachen. Verbunden damit ist auch das Wiederaufgreifen einer Selbstkritik der Psychologie und Psychotherapie, die in den 70gern populär war, dass nämlich die Psychotherapie die Unzulänglichkeiten der Gesellschaft glätten soll.

Natürlich kann man auf die Frage nach der Ursache der Zunahme psychischer Krankheiten und seelischen Unglücks keine wirklich einfache Antwort geben, sondern nur einen gesellschaftlichen Wandel skizzieren und darin vermeintliche oder echte oder umständebedingte Bösewichte ausmachen.

Nr. 1: Der Wegfall von Struktur.

Inzwischen sind viele Ideale der 70ger näherungsweise erreicht, wir können unseren Lebensweg frei bestimmen – jedenfalls theoretisch – und haben damit die Qual der Wahl. Bestimmende Vorschriften wie z. B. die detaillierten Vorschriften über das Verhalten in unterschiedlichen Situationen – so negativ sie sich für viele Menschen dargestellt haben und so „spießig“ sie auch waren und sind – haben eine stützende, entlastende Funktion gehabt, hatten wir doch nicht die Qual, wählen zu müssen und den Zweifel an der Entscheidung, gab das Wertesystem eindeutige Hinweise für die meisten Situationen und bot ein Geländer für den Lebensweg. Innerhalb definierter sozialer Hierarchien und Komplexe kann Sicherheit entstehen. Die Sicherheit, die möglicherweise Voraussetzung für Entspannung, Ruhe und Zufriedenheit ist – und auch für nahe, verläßliche soziale Beziehungen.

Nr. 2: Der Verlust des sozialen Umfeldes

Ich vermute, dass sich die Menschen früher vielleicht nicht immer geborgen in ihrem sozialen Kontext fühlten, aber vielleicht doch bedingungslos zugehörig und verbunden – zumindest so lange nicht gegen die sozialen Regeln verstoßen wurde. Menschen hatten mehr Geschwister, mehr Kontakt zur Familie, bekamen mehr Kinder, die Ehen boten mehr Verläßlichkeit (wenn auch mitunter für einen hohen Preis), man zog auch in der Regel nicht häufig um oder dauerhaft fort. Heute haben viele Menschen ein verläßliches Umfeld, viele aber auch nicht. Es entsteht eine Form von Einsamkeit, in der außerdem der Halt durch bloße Zugehörigkeit fehlt.

Nr. 3. Das Verschieben der Werte

Dadurch, dass die Konzentration auf Heim und Familie keine echte Leitlinie mehr ist, dadurch, dass Beziehungen eher brechen, verlassen sich Menschen vernünftigerweise nicht mehr auf die Liebsten um sich, sondern auf sich selbst und konzentrieren sich auf das, was von ihnen beeinflußbar erscheint, und das ist Leistung und berufliche Laufbahn – zumindest bei denen, die einer bezahlten Tätigkeit mit Entfaltungspotential nachgehen, was allerdings nicht für alle Menschen gilt. Das Dogma der erfolgreichen Berufstätigkeit hat inzwischen viele Menschen der Mittelschicht und der Oberschicht erfasst, auch Frauen definieren sich über ihre berufliche Laufbahn. Leider sind heutzutage mit der Karriere allerlei Einschnitte verbunden. Häufig werden Grenzen irgendeiner Art überschritten. Man zieht um, man arbeitet mehr als die üblichen 38,5 oder 40 Stunden, man paßt sich der Tätigkeit in vielfältiger Weise an mit der Folge, dass man vielleicht zu viel des Eigenen aufgibt. Unter diesem Blickwinkel verwundert auch nicht das epidemieartige Auftreten der Diagnose Burnout. Denn der geleistete Arbeitseinsatz entschädigt uns schließlich nicht für das Fehlen eines verlässlichen Lebenspartners oder des Kontaktes zu zuverlässigen Bezugspersonen. Was in vielen Fällen bleibt, das ist vermutlich eine Leere.

Neben der Übermacht beruflicher Erfolge, gibt es einen damit zusammen hängenden wichtigen Auslösefaktor, der mit unseren Wertungen zusammenhängt: Es ist der Wert der Zeitknappheit. Ein Phänomen, das unter einem anderen Blickwinkel als Schnellness bezeichnet wurde, nämlich die Tendenz, dass alles schnell, unmittelbar passieren oder da sein soll. Jedenfalls ist es eine gängige Tendenz, das eigene Leben vollzustopfen, wie eine zu kleine Einkaufstasche, sich über die vielen „Einkäufe“ aufzuwerten und in Eile von einer Aktivität zur nächsten zu hüpfen, selbst kleinste Ruhemomente mit scheinbar sinnvollen Aktivitäten aufzufüllen. Eile und Zeitmangel wurden dadurch zum Wert an sich.

Nr. 4. Der Einfluss der Medien

Die zeitlich intensivierte Nutzung der Medien Fernsehen und Internet hat unsere Welt verändert. Aber so schön es ist, das „neue“ Medium Internet zu nutzen und sich frei informieren, bewegen zu können, Kontakte zu knüpfen und ähnliches mehr, so sehr kann es auch gegenläufige Effekte haben, die wir uns weniger wünschen. Auf jeden Fall verbringen wir Zeit vor TV und PC, die wir nicht im Freien und nicht in unmittelbarem Komntakt zu anderen gestalten. Im Bundesdurchschnitt schauen wir durchschnittlich täglich 201 Minuten fern. (Bedenkt man, dass 24% der Zuschauer nebenbei essen, haben wir auch gleich einen Hinweise zum Thema Gewicht.) Es wird spannend werden, wenn genauere Untersuchungsergebnisse zu den längerfristigen Auswirkungen der neuen Mediennutzung auf uns Menschen vorliegen werden.