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Diagnosen

Schilderung einer Borderline-Erkrankung

Hier finden Sie die Schilderung einer Borderline-Erkrankung aus Betroffenensicht.

Meine Borderline-Erkrankung: Ich bin ein „schwieriger“ Mensch

„Hinschauen statt wegsehen“ – diese Aufforderung hört man häufig, wenn besonders schwere Fälle von Gewalt, Verbrechen oder Missbrauch durch die Medien gehen. Mit diesem oder ähnlichen Sprüchen soll man dazu animiert werden, seinen Mitmenschen gegenüber achtsam zu sein und in Notsituationen hilfsbereit zu handeln.

Wenn ich heute auf meine Jugend zurückblicke, stelle ich fest, dass man diesen Spruch ebenso auf sich selbst beziehen kann und sollte. Denn wer sein eigenes Verhalten und Reagieren aufmerksam beobachtet, indem er z.B. auf die Warnsignale seines Körpers hört, wird sich selbst nicht nur besser verstehen, sondern auch helfen können. Bei mir war dies leider nicht der Fall:

Dass mit mir etwas nicht stimmte, war offensichtlich – ich war einfach „anders“ als meine Freunde und Mitschüler. Während meine Klassenkameraden Spaß hatten und ein scheinbar unbeschwertes Leben führten, war ich ständig am Grübeln, hatte Depressionen, tägliche Kopfschmerzen und Panikattacken. Dazu kamen sehr unangenehme Dissoziationen, Suizidgedanken und große Probleme, meine sozialen Kontakte zu pflegen. Zwischenmenschliche Beziehungen fielen mir immer schwer: Habe ich mich auf der einen Seite so sehr nach Nähe, Liebe und engen Freundschaften gesehnt, stieß ich all diejenigen, die mir etwas bedeuteten, gleichermaßen von mir weg.

Mein anhängliches, doch zugleich auch kühles, abweisendes Verhalten hat meine Mitmenschen irritiert – nicht zuletzt mich selbst! Meine Freundschaften und Beziehungen waren zwar immer sehr intensiv, doch ebenso absolut instabil. Sehnsucht und Euphorie im Kampf gegen Verlustangst und Entwertung des zuvor noch heiß geliebten Menschen! Ich konnte meinen inneren Zwiespalt nicht verstehen, rutschte von einem Extremen ins andere und hatte eine wahnsinnige Wut im Bauch.

Dies führte zu der Überzeugung, mich bestrafen und selbstverletzen zu müssen. Der Selbsthass war so groß und der Schmerz schien mir gerecht! In anderen Situationen tat ich es, um mich selbst wieder zu spüren. Es kam nicht selten vor, dass meine Körperwahrnehmung verzerrt war, ich mich selbst nicht spürte – ein ganz unreales Gefühl. Durch Selbstverletzungen (z.B. „ritzen“) habe ich mich wieder lebendig gefühlt; all der seelische Schmerz, den ich in mir trug, führte nämlich nicht nur zu Hoffnungslosigkeit, dem Gefühl von Leere und zeitweiligem Interessenverlust. Irgendwann fühlte ich mich regelrecht „tot“.

Auch auf emotionaler Ebene behandelte ich mich schlecht, indem ich mir manchmal tagelang das Essen verbot oder mir Dinge zumutete, von denen ich im Vorfeld wusste, dass sie mir nicht gut tun würden. Inzwischen erkenne ich da ein ganz instabiles Verhalten – immer im Wechsel zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplexen. Mein gesamtes Fühlen und Denken war von Ängsten geprägt, die mein Leben förmlich zu einer Achterbahnfahrt machten und mich sehr impulsiv und unkontrolliert handeln ließen. Inzwischen bin ich achtsamer im Umgang mit meinen Gefühlen, gehe Belastungssituationen ruhiger an und bleibe dadurch mehr im „Hier und Jetzt“ und kann Konflikten mit mehr Objektivität begegnen.