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Diagnosen

Selbstverletzung – selbstverletzendes Verhalten – Autoaggression

Betroffene halten sie oft über lange Zeit geheim, Eltern und andere Angehörige stehen ihr fassungslos und ohnmächtig gegenüber: Selbstverletzung ist eine Verhaltensweise, bei der sich – meist junge – Menschen selbst körperlichen Schaden zufügen. Selbstverletzung fängt in den meisten Fällen im frühen Erwachsenenalter an, Frauen bzw. Mädchen sind dabei häufiger betroffen als Männer bzw. Jungen. Auch ist selbstverletzendes Verhalten bei Jungen zum Teil nicht direkt zu erkennen, versteckt sich in aggressivem Verhalten, in Mutproben, Extremsport oder exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum.

Wichtig für die richtige Einschätzung sind Häufigkeit und Ausmaß der Selbstverletzung. Ein Punk, der sich selbst Ohrlöcher sticht, ist deswegen nicht zwingend selbstverletzungsgefährdet; ein junges, verschlossenenes Mädchen aber, das immer wieder Schnitte am Unterarm hat, schon. Der Unterschied liegt in der Motivation: Im ersten Fall ist es eine Form der Selbstdarstellung, im zweiten Fall fungiert die Selbstverletzung als eine Art Ventil, um einen – wie auch immer verursachten – inneren Druck abzulassen. Ablenkung von seelischem Schmerz, von Schuld- und Schamgefühlen, aber auch beispielsweise Selbstbestrafung kann der Zweck sein.

Der Schmerz als Mittel

Selbstverletzendes Verhalten gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Zu den häufigsten Formen gehören das Schneiden bzw. Ritzen mit Rasierklingen, Glasscherben oder Messern sowie das Verbrennen mit brennenden Zigaretten oder Feuerzeugen bzw. das Verbrühen mit kochend heißem Wasser. Dies geschieht oftmals an Körperstellen, die durch Kleidung versteckt werden können, wie Arme, Beine, Bauch und Brust. Auch schmerzvolles Haareausreißen, Sich-Beißen, Kopf-an-die-Wand-Schlagen, ständiges Wiederaufkratzen von verheilenden Wunden und Trinken von giftigen Flüssigkeiten sind Formen der Selbstverletzung.

Das Fatale für die Betroffenen: Sie geraten in einen Teufelskreis, denn Selbstverletzung wirkt wie eine Droge. Der Schmerz lenkt kurzzeitig ab, Endorphine, also Glückshormone, werden ausgeschüttet, die innere Spannung nimmt ab, Ängste und andere schlechte Gefühle werden vorübergehend gemildert. Dies merkt sich der Körper – und verlangt beim nächsten Tiefpunkt, dem nächsten Moment innerer Leere wieder nach dem „heilsamen“ Schmerz. Übrigens liegt das Verhalten damit vielleicht gar nicht so weit entfernt von seinem mittelalterlichen Vorläufer der Selbstkasteiung und der Selbstgeißelung, welche den Menschen auch von Schuldgefühlen und anderen Seelenqualen befreien sollten.

Ursachen

Selbstverletzung ist – wie die Magersucht – ein Hilfeschrei der Seele, eine Reaktion auf einen immensen psychischen Druck, die sich als Gewaltakt gegen sich selbst äußert. Zu den Hauptursachen zählen nach heutiger Erkenntnis innerfamiliäre Beziehungen und Konflikte in der Kindheit, insbesondere Formen der körperlichen Misshandlung und des Missbrauchs, Vernachlässigung, aber auch Verlust- und Trennungstraumata. Diese haben zur Folge, dass der junge Mensch entweder „lernt“, dass er es nicht anders verdient, als geschlagen zu werden, oder dass er Verletzung/Gewalt als eine Form von Zuwendung/Aufmerksamkeit abspeichert, die er auch später immer wieder sucht. Menschen, die sich selbst verletzen, befinden sich oft im Zwiespalt, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Sie haben Angst vor zu viel Nähe, aber auch vor dem Alleinsein, sie sind unsicher, neigen dazu, sich in negative Gedanken hineinzusteigern.

Ein hoher Prozentsatz der unter Borderline-Störungen leidenden Menschen verletzt sich selbst. Angst- und Essstörungen, Depressionen, Süchte und Selbstverletzung – es gibt immer wieder Überschneidungen zwischen diesen psychischen Erkrankungen. Sie sind alle Ausdruck einer verletzten Seele, von Verdrängung und indirekter Äußerung von Gefühlen.

Behandlung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Allgemeinen und selbstverletzendes Verhalten im Besonderen sind therapierbar, wenn meist auch nicht schnell. Auch sind Rückschläge keine Seltenheit. Es gibt unterschiedliche Behandlungsansätze, darunter die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die Verhaltenstherapie und die traumazentrierte Therapie. Die Vorgehensweisen umfassen die Arbeit mit dem Symptom und dem Erarbeiten von mehr Kontrolle über das Zwangsverhalten, die Erkundung dahinterliegender Gefühlsschichten sowie eine Veränderung der emotionalen Mechanismen bis hin zu einer Stärkung zugrundeliegender psychischer Funktionen.