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Interview mit der Zeitschrift Konfliktdynamik (Nomos-Verlag)

1. Mit welchen Konflikten (Anlässen, Formen, Arten, …) haben Sie in der psychotherapeutischen Praxis zu tun?

Die Patienten in meiner Praxis kommen oft anlässlich äußerer Konflikte wie z.B. Arbeitsplatzkonflikte, familiäre Konflikte oder nach individuellen Misserfolgserlebnissen unterschiedlicher Art. Viele kommen nach dem Auftreten psychischer Symptome infolge dieser äußeren Belastungen. Manche Menschen möchten auch ihre Kindheit aufarbeiten, weil sie den Eindruck haben, dass vergangene Erlebnisse ihnen heute noch im Weg stehen. In den letzten Jahren kamen zunehmend mehr Personen aufgrund von Konflikten bzw. Überlastung am Arbeitsplatz in meine Praxis. Für mich als Psychotherapeutin sind die dahinter liegenden, unbewussten inneren Konflikte wichtig.

2. Was bedeutet Konflikt eigentlich in psychotherapeutischer Lesart?

Die tiefenpsychologische Sicht wendet sich in der Regel den inneren, psychodynamischen Konflikten zu. Jeder Mensch hat sein eigenes seelisches Koordinatensystem und seine individuellen Grundbedürfnisse in verschiedenen Bereichen. So ist der eine Mensch ein bisschen zwanghaft um Kontrolle bemüht, der andere ist gerne unabhängig, der Dritte lässt sich gerne versorgen und viele Menschen haben mit ihrem Selbstwert Probleme. Diese unterschiedlichen Grundausrichtungen bewegen sich jeweils zwischen zwei extremen Polen. So kann man z. B. besonders auf Autonomie bedacht sein oder sich gerne in Abhängigkeiten begeben. Beide überhöhten Grundmotivationen sind nicht grundsätzlich verkehrt, bergen aber Stoff für Probleme. Wenn unser Grundbedürfnis in einem Bereich deutlich über oder unter dem Durchschnitt liegt, wird das als ein „Konflikt“ bezeichnet. Psychodynamische Konflikte haben ihre Wurzeln üblicherweise in der Kindheit, selten in extremen Belastungen im späteren Leben.

3. Welche „Zutaten“ gehören Ihrer Erfahrung nach zu einem Konflikt?

Wenn unsere inneren Konflikte nicht zu stark ausgeprägt sind, stören sie uns häufig im Leben wenig, weil wir in vielen Fällen über lange Zeit unser inneres Gleichgewicht gut ausbalancieren können. Kommen dann aber äußere Belastungsfaktoren hinzu wie äußere Konflikte, negative Ereignisse, größere Veränderungen oder ein Wegfall stabilisierender Faktoren, kann das innere Gleichgewicht möglicherweise nicht mehr gehalten werden und es kommt zu inneren Auseinandersetzungen. So mag jemand unter einem Selbstwertkonflikt leiden, diesen aber jahrzehntelang über gute menschliche Beziehungen und beruflichen Erfolg erfolgreich kompensieren. Verliert die Person dann den Arbeitsplatz oder scheitert die Ehe (oder beides), dann treten vermutlich mehr Selbstwertzweifel auf und das Gleichgewicht kann ins Wanken geraten, ist möglicherweise nicht mehr zu halten. Der zugrundeliegende Selbstwertkonflikt bricht sozusagen aus und der Mensch zweifelt an sich, ist mit sich unzufrieden und greift sich selbst an. Nicht selten führt das dann auch zu depressiven Symptomen, mitunter zum umfangreichen Zusammenbruch. Man spricht dann davon, dass der Konflikt aktualisiert wurde.

4. Gibt es ein „Konfliktmodell“, dass Sie bei Ihrer Arbeit leitet bzw. anregt oder fasziniert ? (gern erläutern!)

Ich arbeite tiefenpsychologisch fundiert und werde durch vielen psychoanalytische Arbeiten beeinflusst. Konkret wird meine Arbeit durch das Modell der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-2, Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik, Arbeitskreis OPD und Cierpka, 2014) geleitet. Dies ist ein auf tiefenpsychologisch und analytischer Forschung basiertes wissenschaftlich fundiertes System zur Diagnostik und Therapieplanung, das eine Einschätzung auf mehreren Achsen ermöglicht und die unbewussten Grundkonflikte der Menschen beschreibt. Es wird von den tiefenpsychologisch fundiert und den analytisch arbeitenden Psychotherapeuten in Deutschland angewandt. Das Modell alleine ist allerdings nur ein Wegweiser, der weitere Feinabstimmungen nötig macht. Wichtig ist es, den Menschen in seinem Erleben und seiner Problemkonstellation umfassender zu verstehen und seine Nöte nachzuvollziehen.

Ob und welcher Grundkonflikt uns das Leben schwer macht bzw. stärker beeinflusst, ist mitunter nicht leicht herauszufinden. Das Modell der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) unterscheidet acht Konflikttypen. Nur im Zusammenhang mit unserer Lebensgeschichte kann unser Grundkonflikt bzw. unsere Grundkonflikte verstanden werden. Meist geht die Ursache weit in die Vergangenheit zurück, manchmal sind aber auch extreme aktuelle Belastungen alleiniger Auslöser für eines der Konfliktmuster. Wenn wir uns selbst aufmerksam studieren, können wir anhand der Charakteristika eine Idee davon bekommen, ob ein, und wenn ja, welcher bzw. welche Konflikttypen in uns stecken. In abgeschwächter Form wird fast jeder Mensch an sich Hinweise auf den einen oder anderen Konflikttypus entdecken können. Sinnvoll und wichtig ist diese Form der Diagnostik innerhalb einer Psychotherapie, da es Verbindungen zu den psychischen Störungen gibt und die Konflikteinordnung außerdem konkrete Hinweise zum erfolgreichen psychotherapeutischen Arbeiten bzw. zur therapeutischen Strategie liefert.

Es gibt natürlich auch weitere Konfliktmodelle, die beim Verständnis von Konflikten hilfreich sein können wie z. B. transaktionsanalytische Konzeptionen z. B. von Eric Burne, die systemisch-konstruktivistischen Sichtweisen, gestalttherapeutische oder auch gruppenanalytische Ansätze z. B. nach Foulkes. Während sich die OPD als Richtschnur für kassenzugelassene Behandler in Deutschland auf das Individuum konzentriert, beziehen sich die anderen genannten Ansätze stärker auf das Geflecht zwischen dem Einzelnen und den anderen Menschen um ihn herum. Diese interpersonelle Perspektive ist meiner Ansicht nach trotz der Konzentration auf das Verständnis des Individuums immer mit zu beachten, um grobe Fehleinschätzungen zu vermeiden.

5. „Grundkonflikte\“…:

Unsere Grundkonflikte nach der OPD sind:

1. Abhängigkeit versus Autonomie

Der Konflikt „Abhängigkeit versus Autonomie“ dreht sich um unsere Suche nach Bindung und Beziehung einerseits, unser Streben nach Unabhängigkeit und unsere Angst vor Verantwortung andererseits. Dieser Konflikt ist lebensbestimmendes Thema und die damit einhergehenden Motivationen können bereits bei kleinen Kindern beobachtet werden, bei denen entweder das Explorationssystem aktiviert ist und sie neugierig ihre Umgebung erkunden oder das Bindungssystem und sie Nähe und Sicherheit bei ihren Bindungspersonen suchen. Im passiven Modus dieses Konfliktes beherrscht uns eine große Angst vor dem Verlust von Bindungen und wir suchen eine Abhängigkeit erzeugende Beziehung. Den Wunsch nach Autonomie nehmen wir kaum wahr oder wir ordnen ihn den Wünschen unseres Partners unter. Unser Bedürfnis nach Abhängigkeit verstecken wir dabei gerne hinter vermeintlichen Schuldgefühlen („Ich muss doch für meinen Mann da sein!“). Im Beruf sind wir eher in einer untergeordneten Position tätig und auch im gesellschaftlichen Umfeld fügen wir uns in Gruppen ein. Im aktiven Modus ist unser wichtigstes Ziel im Leben das Herstellen und Erhalten einer emotionalen und existentiellen Unabhängigkeit. Das Bedürfnis, uns zu binden, uns anzulehnen, unterdrücken wir weitgehend. In Beziehungen fühlen wir uns eingeengt und schnell bedroht. Nähe ist oft nicht gut auszuhalten. Auch beruflich und finanziell streben wir nach Unabhängigkeit. Gesellschaftlich sind wir eher Einzelgänger; einer Gruppe gehören wir nicht gern an.

2. Unterwerfung versus Kontrolle

Sind wir vom Grundkonflikt „Unterwerfung versus Kontrolle“ betroffen, geht es über ein gesundes Maß an Selbst- und Fremdkontrolle hinaus. Der Konflikt bestimmt unser Erleben und unser Verhalten in Bezug auf gesellschaftliche und persönliche Regeln. Im passiven Modus ordnen wir uns vollkommen unter, sind demütig gegenüber Pflichten, Weisungen und wahrgenommenen Regeln, agieren kontrolliert und selbstbeherrscht. Unbewusster Widerstand äußert sich, wenn überhaupt, in Fehlhandlungen wie Trödeln oder Vergessen. In Beziehungen ordnen wir uns unter, zeigen kaum Eigeninitiative und können nicht „nein“ sagen. Stattdessen halten wir uns stur an Regeln. Im Beruf meiden wir Eigenständigkeit und Macht, richten uns lieber in nachgeordneter Position ein. Eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen Besitz, die Zugehörigkeit zu festen Gruppen sowie vorgefertigte Ideologien, ob religiöser, politischer oder weltanschaulicher Art. Gegebenes nehmen wir an bzw. hin. Im aktiven Modus passiert genau das Gegenteil. Regeln, Pflichten, Kontrolle – das alles erleben wir als Eingriff in unsere Rechte und begehren auf. In Beziehungen wie im Beruf stellen wir unsere Interessen bzw. unsere Vorstellung darüber, was richtig ist, über die Vorstellungen der anderen. Geld bedeutet für uns Macht, ein Mittel, unsere Vorstellungen durchzusetzen. Zu einer Gruppe zugehörig fühlen wir uns immer dann, wenn wir einen Nutzen daraus ziehen.

3. Versorgung versus Autarkie

Der Konflikt „Versorgung versus Autarkie“ wird für uns zum Problem, wenn die Ambivalenz aus dem Wunsch nach Versorgung/Geborgenheit und der Abwehr desselben unser Verhalten und Erleben in einer Beziehung bestimmt. Alles dreht sich ums Bekommen, ums Versorgtsein und um die Angst, die Umsorgung zu verlieren – oder aber im Gegenteil darum, dass wir „niemanden brauchen“, keiner Geborgenheit bedürfen. Im passiven Modus sind wir gefühlsmäßig stark gebunden bis abhängig und klammernd. Wenn wir in irgendeiner Form allein gelassen oder zurückgewiesen werden, reagieren wir ängstlich oder depressiv. Unsere Beziehung gestalten wir möglichst so, dass eine Trennung erschwert ist, z. B. durch finanzielle oder berufliche Abhängigkeiten. Im Berufsleben streben wir weniger nach einem Aufstieg als nach sozialer Geborgenheit. Was Geld und Besitz angeht, so wollen wir alles haben und halten, etwas abzugeben fällt uns extrem schwer.

Im aktiven Modus kompensieren wir unsere Bedürfnisse nach Versorgung durch Selbstgenügsamkeit und Anspruchslosigkeit. Wir bitten nicht um Hilfe, lehnen entsprechende Angebote ab, auch in unserer Beziehung. Askese und mitunter auch Altruismus kennzeichnet unser Verhalten. In unserer Phantasie wird unser Verzicht irgendwann belohnt oder vergolten. Tief in uns verborgen liegen Gefühle der Traurigkeit und der Sehnsucht nach Versorgung. Auf beruflicher Ebene betreiben wir Selbstausbeutung. Wird dies nicht honoriert oder geraten wir in wirtschaftliche Not, drohen Selbstzweifel und Depressionen. Bezogen auf Geld und Besitz geben wir uns selbstlos, machen dabei aber unbewusst eine Rechnung auf und erwarten alles irgendwann zurück, plus Zinsen. In der Gesellschaft sorgen wir für andere – beneiden oder verachten diese aber oft gleichzeitig.

4. Selbstwert versus Objektwert

Sind wir vom Konflikt „Selbstwert versus Objektwert“ betroffen, dreht sich in unsrem Leben viel, wenn nicht alles, um die Regulierung unseres Selbstwertgefühls. Im passiven Modus ist unser Selbstwertgefühl eingebrochen. Wir erleben uns als unwichtig, bedürfnislos und gescheitert, können nicht gut für unsere Bedürfnisse und Rechte einstehen. Es fällt uns schwer, nein zu sagen und uns durchzusetzen. Dabei geben wir anderen die Schuld für unsere Lage, sehen uns als Opfer. In Beziehungen suchen wir Gleichgesinnte, um gemeinsam die uns widerfahrene Benachteiligung zu verarbeiten, oder wir erleben erneute Demütigungen und meiden neue soziale Kontakte. Im Beruf sind wir deutlich leistungsbereit und im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgreich; berufliche Zurücksetzungen können zum Verlust unseres Selbstwertgefühls führen.

Im aktiven Modus wirken wir nach außen oft selbstsicherer als wir sind. Beziehungen nutzen wir in erster Linie, um unser Selbstwertgefühl aufzubauen. Wir neigen dabei zur Schwarzweißsicht: Unsere Mitmenschen sind entweder Freunde oder Feinde. Nicht selten wird das Selbstwertgefühl durch die Abwertung anderer stabilisiert. Durch unser Auftreten wirken wir auf andere bisweilen arrogant, aufdringlich oder gönnerhaft-herablassend. Auch im Beruf überschätzen wir oftmals unsere Leistung; Probleme tun wir entweder ab oder schieben die Schuld anderen zu. Geld investieren wir gerne in repräsentative Attribute des Selbstwertgefühls, ob Luxusauto, teure Trendsportarten oder in die eigene Schönheit. Krankheit und Misserfolge können zum Zusammenbruch der nach außen gezeigten Selbstsicherheit führen und uns in den passiven Modus verfallen lassen.

5. Egoistische versus prosoziale Tendenzen – Schuldkonflikt

Schuldgefühle haben wir alle gelegentlich. Beim Schuldkonflikt, der den tiefen Widerstreit „Egoistische versus prosoziale Tendenzen“ meint, geht es aber um mehr als zeitweilige Schuldgefühle, die wir haben, weil wir z. B. jemanden verletzt haben. Vielmehr geht es darum, dass wir uns bei jedem „Verstoß“ gegen verinnerlichte prosoziale Tendenzen, jedem Anflug von Egoismus oder Autonomiebestreben schuldig fühlen und diese Schuld dann entweder auf uns nehmen (passiver Modus) oder aus Scham abwehren (aktiver Modus). Im passiven Modus haben wir für andere immer eine Entschuldigung, während wir uns mit Selbstvorwürfen martern. Oft waren wir in der Kindheit das „schwarze Schaf“. In Beziehungen befinden wir uns in vielen Situationen für schuldig, ordnen uns unter, nehmen keinen Trost unseres Partners an und bestrafen uns möglicherweise sogar selber. Im Beruf fühlen wir uns allein für alle Fehler verantwortlich. Und wenn wir sozial aufgestiegen sind, löst das ebenfalls Schuldgefühle in uns aus. Geschenke können wir nur schwer annehmen, ohne uns im Gegenzug großzügig zu revanchieren.

Im aktiven Modus verdrängen wir Schuldgefühle, schieben die Verantwortung auf andere. In Beziehungen wie im Berufsleben sind die anderen schuld, wenn etwas schiefgelaufen ist. Wenn wir überhaupt einmal ein kleines Schuldeingeständnis machen, dann wir es sofort revidiert. Privilegien sehen wir als selbstverständlich an, eigennütziges Verhalten als gerechtfertigt. Andererseits fühlen wir uns schnell übervorteilt oder betrogen. Es wundert nicht, dass dieses Verhalten oft zu Konflikten und Misserfolgen führt.

6. Ödipal-sexueller Konflikt

Ein „Ödipal-sexueller Konflikt“ beschreibt keine bloßen sexuellen Funktionsstörungen, sondern die Auswirkung der Ambivalenz aus erotisch-sexuellen Wünschen und der Verdrängung derselben auf unser gesamtes Verhalten und Erleben. Im passiven Modus existiert Sex in unserer Wahrnehmung nicht. Unser Selbstbild entspricht diesbezüglich dem eines unschuldigen Kindes. In unserer Beziehung suchen wir Liebe, Geborgenheit usw., aber keine Erotik. Im Extremfall führen wir eine Art Geschwisterbeziehung.

Im aktiven Modus sexualisieren wir nahezu jeden Lebensbereich. Im Beruf kann das ernsthafte Konflikte, Anfeindungen und Eifersucht zur Folge haben. Auch Besitz ist für uns Ausdruck sexueller Potenz. Unsere Beziehungen verlaufen indes unbefriedigend und konfliktreich, da unser widersprüchliches Verhalten und unsere Neigung, Partner an idealisierten Elternfiguren zu messen, zu Konflikten führen. Im gesellschaftlichen Umfeld sind wir aktiv und stehen gerne im Mittelpunkt. Mit unserer Familie fühlen wir uns sehr verbunden, insbesondere mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil.

7. Identität versus Dissonanz

Prägend auf unser Verhalten und Erleben wirkt sich auch ein Identitätskonflikt, der Konflikt „Identität versus Dissonanz“ aus. Von ihm betroffen sind wir, wenn wir kein Gefühl für unsere eigene Identität entwickeln konnten, das heißt, wenn unsere verschiedenen Teilidentitäten (Geschlechts- und Familienidentität, soziale, ethnische, religiöse, politische Identität) sich nicht (mehr) zu einem zusammenhängenden Ganzen fügen.

Im passiven Modus äußert sich unser Identitätskonflikt in einem ständigen Gefühl, keine eigene Identität vorweisen zu können. Dies setzt sich auch in unseren Beziehungen fort. Auf unser soziales Umfeld und auf Kollegen am Arbeitsplatz wirken wir farblos und angepasst, bisweilen auch widersprüchlich. Für berufliche Erfolge fehlt uns die nötige Rollensicherheit.

Im aktiven Modus überspielen wir die Unsicherheit bezogen auf unsere Identität. Dabei sind wir sehr kreativ, leihen uns beispielsweise Identitäten und konstruieren uns unser Leben, schließen uns Trends an, gestalten danach unser Äußeres. Zwischenmenschlich suchen wir uns Partner und Beziehungen, die uns Identität geben können. Im Beruf gehen wir äußerst motiviert auf und identifizieren uns mit unserer Rolle, um uns unserer Identität zu versichern. Interessanterweise identifizieren sich Pat. mitunter auf diese Weise mit ihrer Diagnose, die sie stolz als positives Attribut vor sich hertragen.

8. Eingeschränkte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung

Problematisch für unsere Beziehung zu anderen Menschen ist auch, wenn wir nur über eine eingeschränkte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung verfügen, das heißt, wenn wie nur sehr schlecht unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse sowie die anderer erkennen können und deshalb auch keine emotionalen Regungen verspüren.

Im passiven Modus übersehen wir Konflikte, ein Gefühl der inneren Spannung kennen wir folglich nicht. Unsere Beziehungen, auch in der Familie, sind von Konventionen bestimmt, gefühlsarm und äußerlich harmonisch. Geheiratet haben wir weniger aus inniger Liebe, sondern aus Anpassung an gesellschaftliche Vorstellungen. Selbst große Belastungen und schwierige Lebensumstände erleben wir als „normal“. Unser Sozialleben ist entsprechend eingeschränkt. Beruflich liegen uns technische und Verwaltungstätigkeiten, wegen unseres Mangels an Empathie und Konfliktwahrnehmung in untergeordneter oder höchstens mittlerer Position.

Im aktiven Modus unterdrücken wir Gefühle. Anflüge von gefühlsmäßiger Regung ersetzen wir durch eine nüchtern-sachliche, technisch-logische Herangehensweise. In Beziehungen neigen wir dazu, drohende Konflikte zu leugnen, zu bagatellisieren oder mit technischen Lösungen aus der Welt zu schaffen. Wenn unsere Wünsche der Auslöser sind, sind wir sogar bereit, diese zurückzustellen, um den Konflikt unbedingt zu vermeiden. In sachlich-technischen Berufen sind wir erfolgreich, solange uns keine zwischenmenschlichen Konflikte beeinträchtigen.

Quelle: https://www.psychotherapie-neumuenster.de/konflikte/

6. „Ambivalenz“ …:

… ist der Kern dieser Konflikte, denn die inneren Konflikte sind gekennzeichnet durch eine innere Zerrissenheit, eine Unfähigkeiten eine Brücke zwischen den inneren widersprüchlichen Bestrebungen zu bauen: So kann jemand, der einen Autonomie-Abhängigkeitskonflikt im aktiven Modus hat, in Schwierigkeiten geraten, wenn er den Wunsch verspürt, sich stärker zu binden. Dann ist auf der einen Seite der Wunsch nach weitgehender Unabhängigkeit, auf der anderen Seite der Wunsch nach Bindung und Nähe. Hier mag sich der Konflikt entfalten, wenn es um Schritte in Richtung zu mehr Verbindlichkeit in der Beziehung geht wie das Zusammenziehen, die Heirat oder die Frage nach einer Elternschaft. Und das kann dann durchaus auch zu äußeren Konflikten führen, wenn z. B. die Partnerin nicht hinnehmen will, dass der Partner sich anscheinend nicht verbindlich binden möchte.

Burnout steht in der Regel in Zusammenhang mit dysfunktionalen Arbeitsbedingungen. Trotzdem tritt Burnout oft in Zusammenhang mit verschiedenen psychodynamischen Konflikten auf. Wer z. B. unter einem Selbstwertkonflikt leidet, mag möglicherweise aus Angst, es nicht gut genug zu machen und Ablehnung zu erfahren, in eine Schleife von zunehmender Arbeitsbelastung, Selbstwertzweifeln, Ärger über die ausbeutenden Arbeitsbedingungen und resultierend in eine Überarbeitung und ein Scheitern am Arbeitsplatz geraten. Menschen mit einem Kontrollkonflikt im passiven Modus arbeiten meist sehr zuverlässig und exakt nach den Vorgaben. Nun verschiebt sich im Arbeitsleben die Forderung an die Arbeitnehmer weg von der Qualität in Richtung mehr Quantität. Das heißt, die Arbeitsdichte steigt. Wird die Arbeit weiterhin so gewissenhaft wie vorher ausgeführt, dann muss schneller oder länger gearbeitet werden oder beides, denn sonst ließe sich das Pensum nicht schaffen. Betroffene bemühen sich oft so lange es irgend geht um die Aufrechterhaltung oder auch die Ausweitung ihres Arbeitspensums, bis es schließlich zu einem Zusammenbruch kommt. Der Zusammenbruch ist zum einen eine Folge der Überarbeitung, zum anderen ist er auch Folge des aktualisierten Konflikts.

7. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Konflikten, Krisen, Zwängen oder auch Ängsten? Oder: Was ist der Unterschied bei diesen Konzepten?

Während der psychodynamische Konflikt die innere Auseinandersetzung um einen Zwiespalt widerstreitender Bedürfnisse beschreibt, ist die Krise häufig eine Folge des Scheiterns der Bewältigung des inneren Konfliktgeschehens und geht einher mit psychischen Symptomen wie Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Es gibt natürlich auch Krisen aufgrund von generell schwer zu bewältigenden Ereignissen oder Belastungen. Dort würde man den Betroffenen nicht gerecht werden, wenn man den Blick zu sehr auf innere Konflikte fokussiert. Hier hilft u. U. ein traumatherapeutischer Zugang. Ausgeprägtere psychodynamische Konflikte sind schwer alleine zu bewältigen, weil sie zumindest zum Teil unbewusst sind. Die Betroffenen spüren aber sehr wohl, dass sie unter Druck geraten sind und dass etwas nicht stimmt. Ein Teil des Konflikterlebens besteht aus Ängsten: So kann z. B. jemand mit einem Selbstwertkonflikt Angst haben abgelehnt oder herabgesetzt zu werden, während jemand mit einem Kontrollkonflikt Angst hat die Kontrolle zu verlieren und jemand mit einem Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt Angst hat abhängig zu werden oder aber Verantwortung zu übernehmen. Daher sind Ängste ein wesentlicher Bestandteil von aktualisierten Konflikten. Zudem macht der Verlust des inneren Gleichgewichts vielen Menschen Angst.

Bei aktualisierten Konflikten und den resultierenden psychischen Krisen können zahlreiche psychische Symptome auftreten, sich auch psychische Störungen entwickeln. So gibt es gar nicht selten Menschen, die am Arbeitsplatz so überarbeitet und unter Druck sind, dass sie depressiv werden. Manche entwickeln auch Panikattacken. Wer eine Neigung zu Ängsten hat, der entwickelt unter einem erhöhten psychischen Druck auch eher Angstsymptome. Typische Zwangsstörungen haben ihren Beginn meist in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Später im Leben auftauchende Zwänge können mitunter als Bewältigungsversuche von konflikthaften Gefühlszuständen verstanden werden, können dann zu einem eigenständigen Problem werden. Oft liegt bei Menschen mit Angststörungen ein Autonomie-Abhängigkeitskonflikt vor mit der Tendenz der Betroffenen, die Verantwortungsübernahme zu vermeiden, während bei Zwangsstörungen oft ein Kontrollkonflikt zu finden ist. Bei Depressiven findet man oft einen Selbstwertkonflikt im passiven Modus, während bei Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen in der Regel ein Selbstwertkonflikt im aktiven Modus festzustellen ist.

8. Welchen Ausweg gibt es aus Konflikten? Wenn es einem nicht gut geht, hilft es auf jeden Fall, sich etwas bewusster zu werden, welcher innere Konflikt einen bremst und was einen von der Problemlösung abhält. Dabei ist auch ein Blick in die Vergangenheit sinnvoll: Wie bin ich aufgewachsen, was hat mich geprägt, was bin ich eigentlich für ein Mensch und warum mag es mir jetzt so schwer fallen aus meiner inneren Zerrissenheit herauszufinden. Welche Auslöser für meine inneren Kämpfe gibt es? Habe ich schon einmal so etwas Ähnliches erlebt und was lässt sich daraus lernen? Was ist mein Anteil an dem Geschehen? Leider hat man für seine eigenen Besonderheiten oft einen blinden Fleck, das heißt, zumindest ein Teil der eigenen Problematik und des Konfliktgeschehens ist einem nicht bewusst. Daher ist es auch wichtig, das Gespräch zu suchen. Angehörige, Freunde oder Kollegen haben vermutlich eine Idee, wo das Problem liegt, und können Rückmeldungen geben, die Außenperspektive spiegeln und Hinweise zu Problemlösungen vermitteln. Wenn bereits ein erheblicher Leidensdruck vorliegt, kann auch eine professionelle Unterstützung sinnvoll sein.